Besondere Merkmale (Special Characteristics) beherrschen
Wie Sie sicherheits- und funktionskritische Merkmale identifizieren, kennzeichnen und über den gesamten Wertstrom absichern.
Besondere Merkmale – im Englischen Special Characteristics – entscheiden oft darüber, ob ein Produkt sicher, funktionsfähig und zulassungskonform ist. Wer sie zuverlässig identifiziert, kennzeichnet und über den gesamten Wertstrom absichert, reduziert Reklamationen, Rückrufrisiken und Haftungsfragen spürbar. Dieser Beitrag zeigt, worauf es bei der Beherrschung besonderer Merkmale ankommt.
Was sind besondere Merkmale?
Besondere Merkmale sind Produkt- oder Prozessmerkmale, die sich auf die Sicherheit, die Einhaltung gesetzlicher und behördlicher Anforderungen, auf Passform, Funktion, Leistung oder die Weiterverarbeitung eines Produkts auswirken können. Sie erfordern besondere Aufmerksamkeit über die üblichen Qualitätsmaßnahmen hinaus. Verankert ist das Thema unter anderem in der IATF 16949:2016 (Abschnitt 8.3.3.3) sowie in der VDA-Schrift „Prozessbeschreibung Besondere Merkmale (BM)“ in ihrer 2. Auflage von 2020.
In der Praxis werden besondere Merkmale häufig in drei Kategorien eingeteilt:
- BM S – Sicherheit: Merkmale mit sicherheitsrelevanten Folgen für Personen.
- BM Z – Zulassung: Merkmale, die für die Einhaltung gesetzlicher und behördlicher Anforderungen beim Inverkehrbringen relevant sind.
- BM F – Funktion: funktions- und leistungsbezogene Merkmale.
Kundenspezifisch kommen weitere Bezeichnungen und Symbole hinzu – etwa „Critical Characteristics“ (CC) und „Significant Characteristics“ (SC). Jeder OEM verwendet dabei eigene Symbole, weshalb eine gepflegte Übersetzungs- und Symboltabelle unverzichtbar ist.
Identifikation: von der Kundenforderung zur FMEA
Die Ermittlung besonderer Merkmale beginnt mit den Kundenvorgaben – Lastenheften, Spezifikationen, Zeichnungen und Normen, in denen Merkmale bereits als besonders gekennzeichnet sind. Ergänzend identifiziert das Unternehmen eigene besondere Merkmale mit einem multidisziplinären Team. Zentrale Methode ist die FMEA:
- Die Design-FMEA (D-FMEA) deckt kritische Produktmerkmale auf.
- Die Prozess-FMEA (P-FMEA) leitet daraus die zu beherrschenden Prozessparameter ab.
Nach der harmonisierten AIAG-VDA-FMEA (2019) steuert heute die Aufgabenpriorität (AP – hoch/mittel/niedrig) statt der früheren Risikoprioritätszahl (RPZ), welche Merkmale vorrangig abzusichern sind. Wichtig: Die Einstufung ist kein einmaliger Akt, sondern wird über den Produktentstehungsprozess (PEP) hinweg konsistent fortgeschrieben.
Kennzeichnung und Dokumentation
Ein besonderes Merkmal nützt nur, wenn es durchgängig erkennbar bleibt. Es muss deshalb mit dem vereinbarten Symbol und Kürzel eindeutig gekennzeichnet und über alle relevanten Dokumente hinweg verfolgt werden – von der Zeichnung über die FMEA und den Produktionslenkungsplan bis hin zu Arbeits- und Prüfanweisungen. Diese durchgängige „Verkettung“ (englisch flow-down) ist der Kern eines belastbaren Systems: Jedes besondere Merkmal lässt sich lückenlos vom Kundenwunsch bis zur konkreten Lenkungsmaßnahme in der Fertigung zurückverfolgen.
Absicherung im Prozess: Control Plan und SPC
Die eigentliche Beherrschung findet in der Serie statt. Der Produktionslenkungsplan (Control Plan) überführt die FMEA-Ergebnisse in konkrete Prüf- und Regelmaßnahmen. Für besondere Merkmale bedeutet das in der Regel:
- Statistische Prozessregelung (SPC) zur frühzeitigen Erkennung von Trends, systematischen Abweichungen und Streuung.
- Nachweis der Prozessfähigkeit: Viele OEMs fordern für besondere Merkmale einen Cpk-Wert von mindestens 1,67.
- Rückfallmaßnahmen: Ist die geforderte Fähigkeit nicht nachweisbar, werden verschärfte Maßnahmen bis hin zur 100-%-Prüfung verbindlich.
- Rückverfolgbarkeit insbesondere sicherheitsrelevanter Merkmale, um im Fehlerfall betroffene Chargen sicher einzugrenzen.
Eingebettet ist all dies in APQP (Advanced Product Quality Planning) und wird im Rahmen des PPAP (Production Part Approval Process) gegenüber dem Kunden nachgewiesen. So entsteht eine geschlossene Kette von der Planung über die Freigabe bis zur laufenden Serienüberwachung.
Typische Stolpersteine
- Besondere Merkmale werden identifiziert, aber nicht konsequent in Control Plan und Prüfanweisungen übernommen.
- Kundenspezifische Symbole (CSR – Customer Specific Requirements) werden übersehen oder falsch übersetzt.
- Änderungen am Produkt oder Prozess fließen nicht in die FMEA und die Merkmalsliste zurück.
- Fehlende Schulung der Mitarbeitenden an der Linie, wodurch die Bedeutung der Symbole in der Praxis verloren geht.
Wie der VQB unterstützt
Der VQB begleitet Sie praxisnah beim Aufbau eines durchgängigen Systems für besondere Merkmale – von der methodisch sauberen Identifikation über FMEA und Symbolik bis zur Verankerung in Control Plan und SPC. Wir prüfen Ihre kundenspezifischen Anforderungen, unterstützen bei Prozessfähigkeitsnachweisen und schulen Ihre Teams so, dass besondere Merkmale von der Zeichnung bis zur Linie zuverlässig beherrscht werden. Sprechen Sie uns für einen ersten Standortcheck an.

